Probefahrt

Mercedes Benz W126 420 SE Probefahrt,

im Nachhinein ist man immer schlauer ! Logisch ! Aber mein W126 Kauf ist abgelaufen, wie es ablaufen muss, wenn ein Laie, ein Nichtschrauber und Theoretiker ein Auto kauft. Alltagsautos habe ich zuletzt mit einer umfangreichen Junge Sterne Garantie beim freundlichen Mercedes Dealer gekauft, der Kauf meines W126 jedoch erfolgte bei einer freien Werkstadt, bei der ich noch nicht allzu lange Kunde war. Der Verkäufer hingegen war dort langjähriger und guter Kunde mit seinen diversen Mercedes Benz Youngtimern. Ich fühle mich nicht übers Ohr gehauen, aber auf die spezifischen Schwachstellen des Mercedes Benz W126, hat mich der Meister dieser Werkstadt nicht hingewiesen. Kaufberatungen hatte ich ja schon eine Menge gelesen, aber steht man kurz vor einer Probefahrt mit einer begehrenswerten, alten Daimler S Klasse, versagt der Verstand seinen Dienst.

Mercedes Benz W126 420SE

Die aufmerksame Begrüßung meines künftigen Hobby’s verweigerte als erstes das Anspringen, verursacht durch eine defekte Batterie. Die war schnell in der Werkstadt ausgetauscht und meine Probefahrt konnte beginnen. Das Kombi-Instrument signalisierte durch das kleine gelbe Dreieck, links im Bereich der Tankanzeige, seinen dringenden Wunsch nach Kraftstoff. Dieser Bitte kam ich umgehend nach und füllte an der nächsten Tankstelle erst mal für 15 € Super E10 ein. E10 ? Macht der seltenen Gewohnheit eines Autogas Alltagsautos, der ja nur ab und an eine Tankfüllung von dem im Oktober 2013 sündhaft teuren Sprit verlangt. Der M116 war mit der Wahl zwar einverstanden, aber die Tankanzeige signalisierte, dass man es in den Kreisen der S Klassen gewohnt sei, eine Tanknadel an den rechten Anschlag zu bekommen, denn das kleine gelbe Warnlämpchen brannte unverdrossen weiter und die Tanknadel hatte lediglich den linken Anschlag um eine Haaresbreite verlassen. Da meine damalige Interpretation einen Defekt an der Tankanzeige ausgemacht hatte, war dies der erste Punkt, den ich auf meinem Block Papier notierte. Es sollte eine längere Liste von Punkten werden, die ich im Verlauf der ersten Sanierung (so nenne ich die ersten Reparaturen) in Ordnung bringen wollte.

Mercedes W126 Chrom der Kühlermaske aufbereiten

Mercedes W126 Chrom der Kühlermaske aufbereiten

Dann rollte die fette Limousine von der Tankstelle auf die Fahrbahn, dessen Asphalt der 420SE schon länger nicht mehr unter seinen Pneus hatte. Das Abrollgeräusch konnte ich schlecht einordnen, denn ich hatte bis dato kein vergleichbares Fahrzeug selbst gelenkt. War das damals in den alten Benzen lauter als es heute in einem S211 ist ? Erst im Sommer 2015 sollte ich wirklich wissen, wie sich eine S Klasse standesgemäß anhört und fühlt, wenn Motor, Fahrwerk und diverser Kleinkram in Schuss sind.

So sehr ich mich auch bemühte meine ganze Aufmerksamkeit der Technik zu widmen, es gelang mir nicht wirklich. Ich musste also erst fünfzig Jahre alt werden um einem acht Zylinder zählenden Motor, mit dem rechten Fuß meine Fahrwünsche zu diktieren. Das schöne Herbstwetter, das Gleiten über die kleinen Landstraßen des Westmünsterland, taten ihr übriges. Aus der technischen Probefahrt wurde meine erste Genußfahrt, mit der nirgends nachlesbaren Nebenwirkung, von einem Automobiltyp infiziert zu werden. Die S Klasse fuhr, lenkte, bremste und vermitteltet trotz ihres hohen Alters, das Gefühl der so mercedestypischen Geborgenheit. Im Kopfkino spukten die Kanzler Schmidt und Kohl, die auf dem gleichen Veloursstoff platz genommen hatten; ja selbst der grosse Mercedes 600 aus der Baureihe W100, bot seinen prominenten Fahrgästen das gleiche, edle Textilmaterial an. Auch die Grundzüge des 6332 ccm2 großen Motor aus dem Überbenz der Sechziger Jahre steckten in jenem M116, der unter der langen Motorhaube vor mir säuselte.

Echte Probefahrtprofis, hätten schon das dezente Tack, Tack wahrgenommen, sie hätten es bemerkt, das der Leerlaufregler Schwerstarbeit zu leisten hatte, um einen einigermaßen stabilen Leerlauf zu gewährleisten. Auch die polternde Vorderachse und der marode Auspuff wären den Cracks nicht entgangen.

Als ich mich schon wieder auf dem Rückweg zu dem KFZ Meisterbetrieb gemacht hatte, viel mir mein Vorhaben wieder ein, alles beim Kauf meines ersten Youngtimers zu dokumentieren. Meine gute Systemkamera war natürlich zu Hause im Medienregal, so dass ich mit meinem Samsung S1 Handy ein kleines Video gedreht habe. In dem Youtube Video Blog ist es das erste Filmchen, das mittlerweile auch fast 8000 Zuschauer angesehen haben.

Mit den zwanzig Punkten auf meinem Zettel, darunter auch einige Fehleinschätzungen und gänzlich unerkannten Mängeln, trat ich nun als gelernter Kaufmann in die Runde der Preisverhandlung ein. Das S Klasse Erlebnisgrinsen hatte ich gekonnt in einen gelangweilten, skeptischen Gesichtsausdruck verwandelt. Die geforderten 2800,00 € lehnte ich rigoros ab, und schlug stattdessen 2200,00 € vor. Nach kurzer Rücksprache mit dem Eigentümer wurde mein Angebot, zu meiner Überraschung, angenommen und per Handschlag, war ich nun Besitzer eines Mercedes Benz W126 420 SE.