Mercedes W126 Mechaniker im Kofferraum

Familie und Oldiekauf und die Überführungsfahrt

Familie und Oldiekauf und die Überführungsfahrt

Lange, sehr lange habe ich in den letzten Tagen des November 2016 mein Archiv an Yountimer-Zeitungen durchsucht – leider ohne Erfolg ! Aber ich bin mir dennoch sicher, dass es diesen Artikel irgendwo gab. Im Tenor ging es darum, wie man seine Partnerin, Lebensgefährtin oder Ehefrau dazu bewegen kann, dem Kauf eines teuren, nutzlosen, unzuverlässigen, zeitraubenden und dazu noch völlig veralteten, verrosteten, Youngtimer zuzustimmen. Alle in diesem vermissten Artikel genannten Argumente und Vorgehensweisen habe ich in meinem Fall nicht angewandt. Jede Form des Schmackhaft machen beim Kauf eines Drittautos, ist von vornherein sinnlos ! Einer erwachsenen Frau kann man eben nichts vormachen, nichts schönreden und nichts buntmalen, was in den Augen eines weiblichen Wesens und bei objektiver Betrachtung eines solch unvernünftigen Kaufs, nicht schön, nicht bunt und eben auch nicht rostfrei ist.
Es bedurfte also einer ganz besonderen Taktik um erfolgreich das Unnötige als Notwendig zu deklarieren. Der größte Fehler den ein Oldiekäufer in Sachen Familie machen kann, ist danach zu fragen ob (M)man(n) es kaufen darf ! Ich habe meinen Mercedes W126 420SE gekauft und erst dann gebeichtet ! Meine Beichte bestand in dem kleinen Video Clip, den ich während der Probefahrt gedreht hatte. Ich zeigte den Clip – nachdem der Kauf perfekt, und der Benz bereits bei meinem Universalschraubermenschenwerkzeug war – meiner Frau und kommentierte es mit den Worten, wonach es Leute gäbe, die alles mögliche filmten um es im Netz allen zu zeigen. Aber der Wagen, sagte ich, sei doch eigentlich sehr schön. Ja – sagte sie und meinte der sei ja wirklich sehr schön. Ich erwiderte nur, OK dann ist es jetzt auch deiner…
Als nächstes muss man nun gewisse Dinge im Leben einfach aushalten und kann die Wahrheit in kleinen Dosen – nach und nach – verkünden; schließlich will man ja niemanden überfordern…

W126 Überführungsfahrt

W126 Überführungsfahrt

In dieses kleine Kapitel gehört auch die Überführungsfahrt von Rhede Westfalen nach Essen-Kray, denn auch hier geht nichts über eine gute familiäre Struktur.
Es war ein kalter, aber sonniger Novembermorgen, als ich mit dem Kombi (geschäftlich natürlich…) mich auf den Weg zu meiner Neuerwerbung nach Rhede machte. Die freundliche KFZ-Werkstatt stellte mir für die Überführungsfahrt rote Nummernschilder zur Verfügung und somit konnte es auf die ca. 60 Kilometer lange Reise gehen. Die ersten Kilometer waren die wohl die Nervösesten seit langer, langer Zeit. Sollten sich hier nun Pannen oder Defekte am Fahrzeug bemerkbar machen, ginge alles auf die eigene Kappe. Passiert so etwas auf der Probefahrt, dann kann man das Handy zücken und den Verkäufer um eine Lösung bitten. Jetzt gibt es nur noch einen der verantwortlich für alles Kommende ist, und das war ich von nun an selbst. Eingefleischte Schrauber haben damit sehr viel weniger Probleme, da sie bei der Selbstverantwortung ja auch gleichzeitig einen fähigen Ansprechpartner bei sich selbst finden können. Der Nichtschrauber würde sich im Fall eines technischen Defektes aber eher in seinen Theorien verlieren, rot anlaufen und wieder nach dem Mobiltelefon greifen um Hilfe in Form von ADAC oder AvD zu suchen.
Auf dem Zettel der Probefahrt stand ja noch die Sache mit der Tankanzeige. Ich hatte zwar 15,00 € nachgetankt und dafür etwa 10,5 Liter Super E10 erhalten. Doch wie hoch ist der Verbrauch ? Wurde das Fahrzeug in der Zwischenzeit bewegt ? Reicht der Saft bis zur Werkstatt ? Es war und ist gegen meine Gewohnheit an Vormittagen Kraftstoffe zu kaufen, weil erfahrungsgemäß zu dieser Tageszeit die Preise noch recht hoch sind – aber das gelbe Lämpchen links der Tanknadel machte unmissverständlich klar, dass ich nicht alle Prinzipien stur durchprügeln müsse. Die nächste Verkaufsstelle für flüssige, geeignete Kohlenwasserstoffe befand sich in Raesfeld und wurde zum Etappenziel der Überführungsfahrt. An der Zapfsäule entschied ich mich für den Kauf von Super E5 für 50,00 €. Dies sollte aus meiner Sicht für die verbleibenden 50 Kilometer Strecke ausreichend sein. Und siehe da, ein simpler Tankvorgang führte zum Streichen des ersten Punktes von meinem To Do Zettel, denn das gelbe Licht erlosch, die Nadel bewegte sich in Richtung halb voll, machte jedoch noch immer einen beleidigten Eindruck, weil es für S Klassen ja eine Gewohnheit ist, mindestens einmal in der Woche, den rechten Anschlag der Tankuhr zu berühren.

Nachdem ich den Kassenbereich verlassen hatte durfte ich das Erstemal erleben, was viele Eigner von klassischen Automobilen immer wieder erleben dürfen und was ein Teil der Freude an alten Autos ausmacht. Ein älterer Herr (Ältere Herren sind aus meinem Blickwinkel Menschen, die circa 20 Jahre älter sind, als ich selbst) stand nach vorne gebeugt, die Hände auf die angewinkelten Knie gestützt, vor dem Typenschild am Kofferraumdeckel, rückte seine Brille zurecht, drehte sich nun zu mir um und fragte, was denn so ein altes Daimler-Schätzchen verbrauchen würde. Ich tat so, als sei die Benutzung des Fahrzeugs das normalste der Welt und antwortete wahrheitsgemäß: „Keine Ahnung – ich hab das noch nie gemessen !“ Mit diesen Worten lies ich den Zeitgenossen stehen, Schwang mich hinter das Lenkrad, startete den M116 uns setzte meine Fahrt fort. Innerlich machte sich das Gefühl breit, das auch für das breite Grinsen im Gesicht verantwortlich ist, wenn einem so viel Aufmerksamkeit widerfährt. Die Ablenkung durch dieses Grinsen führte jedoch binnen weniger Sekunden, an der folgenden Kreuzung, an der ich Vorfahrt zu gewähren hatte zu einer erstmaligen Erfahrung über den Charakter und das Potential eines Mercedes Benz Achtzylinder Motor. Ich zog in den Kreuzungsbereich obwohl sich ein anderes Fahrzeug fix näherte und mich ebenso fix dazu bewog, das Fahrpedal (Ja Daimler Deutsch) fix auf das Bodenblech zu treten. Hier folgt nun eine gefühlte längere Zeit von Nichts, ein Herz was in die Hose rutscht und dann ein Schlag ins Kreuz des Fahrers, eine Maschine, die gerade ihre guten Manieren verliert und ein Automobil, welches das Problem der beinahe genommen Vorfahrt brachial löst, in dem es für ordentlich Schub sorgend, sich aus der Situation befreit ! Wow – das Ding kann ja richtig vorwärts, wenn Fahrer es will. Die winzige, dennoch aber vernehmbare Verzögerung, muss wohl die Stauscheibe der KE Jetronic gewesen sein, die sich schlagartig abwärts bewegend, über ihre Wippe dem Steuerkolben volle Kraft voraus befahl ! Der nun schnell ansteigende Druck in den Einspritzleitungen führte zu einer größeren Menge von Kraftstoff im Saugrohr und damit zu einer ausreichenden Menge an verbrennungsfähigem Gemisch. Also eine Rettungsaktion von Fahrerfuß, Robert Bosch Ingenieuren und den 1A Kohlenwasserstoffen unserer heimischen Tankstellen. Zwei Erfahrungen binnen weniger Minuten in einem Mercedes Benz W126, ließen meine anfängliche Nervosität verfliegen und so konnte ich den Rest der Fahrt völlig gelassen genießen.

Zum Schluss dieses Kapitels kommt nun die gute familiäre Struktur in Spiel. Gegen eine kleines Honorar von 50,00 € wurde ich von meinem Schwager in einem 2004er Ford Focus recht komfortabel von Essen nach Rhede zurück gefahren. Im nächsten Kapitel blickt der Schrauber das erste mal auf meinen Old Daimler. Wird er bestehen oder offenbart sich der bisher nicht in Augenschein genommen Unterbodenbereich als Katastrophe ?