Der W126 im Netz

Einen ganz besonderer Lesegenuss enthält der Artikel:

Trend zu straffen Fahrwerken: S wie ausgeschwebt.

Von Michail Hengstenberg und Margret Hucko. Nachzulesen auf SPON.

Die Autoren werfen der Autoindustrie einen Trend zum Jugendwahn vor und nehmen die aktuelle S-Klasse von Mercedes Benz hart in Gericht.

Zitat:“Selbst Mercedes‘ S-Klasse, einst die Vorstufe zum fliegenden Teppich, gibt sich zwanghafter Sportlichkeit hin.“

Als freier Blogger, ohne eine mächtige Redaktion im Rücken, war mir persönlich eine ausführliche Probefahrt ihn der aktuellen S Klasse nicht möglich. Aber ich kann zumindest mit dem beschriebenen Fahrgefühl von 1987 mithalten. Diese kultivierte Art der Fortbewegung wird in diesem hervorragenden Artikel wie folgt formuliert:

Zitat:“Der Wagen fährt nicht, er schwebt. Lässig überfliegt der Mercedes den Asphalt. Behutsam, jeder Zentimeter scheint perfekt einstudiert; eine ausgewogene Choreografie aus einfedern, ausfedern, durchatmen. „Klonk!“, „Krack!“ oder „Pang!“, Kraftausdrücke der automobilen Arbeiterklasse, liegen dem Fahrwerk fern. Höchstens ein leises „Gunk“ entfährt ihm bei Schlaglöchern oder tiefliegenden Gullideckeln. Gedämpft und komfortabel – so wie das Turnen auf den dicken Gummibelägen neumodischer Kinderspielplätze. Auf der Autobahn findet der Fahrgenuss seine Vollendung. Ein sinnliches Erlebnis. Ein Fahrgefühl, wie es kein Zweites gibt. Es ist das S-Klasse-Fahrgefühl – von vor 26 Jahren. Im W126, Baujahr 1987“ Zitat ende

Eigentlich ist dem ja nichts mehr hinzuzufügen, wenn da nicht das Alter der W126 in der Gegenwart des Jahres 2014 wäre. Meine erste Fahrt in meinem W126 würde ich dann eher wie folgt beschreiben:

Der Einstieg in den Luxusdampfer anno 1987, lässt mich in unendliche Tiefen des Autos fallen. Ein bedeutendes Bauteil des Fahrwerks des W126, hat nach über 25 Jahren seine ursprüngliche Funktion eingestellt. Dieses Bauteil steckt nicht in Form eines Dämpfers, Lenkers, oder Lenkhebel im unterirdischen Fahrzeugteil, sondern strahlt mich im fein verhülltem Velours an ! Richtig ! Das Verbindungselement zwischen Auto und Fahrer ist die Verbindung zwischen dem Gesäß und dem Gestühl. Und dieses hat im Laufe der Zeit die Form eines zerdrückten Pappkartons angenommen.Leider ist damit der wesentliche technologische Teil des fliegenden Teppich unbrauchbar geworden. Um so erstaunlicher ist allerdings der Zustand des restlichen Fahrwerks. Man spürt ihn noch, den Schwebezustand anno 1987.

Zu dieser Zeit hätte kein Mensch in der automobilen Welt einen Begriff wie Magic-Body-Control je mit einem Automobil in Zusammenhang gebracht. Eine zauberhafte Körperkontrolle bot in Linkskurven die MAL (Mittelarmlehne). Rechtsherum sorgte die Türverkleidung für die notwendige Körperabstützung. Und völlig aufpreisfrei, quasi automatisch zuschaltend, wurde der Chauffeur in das sogenannte Relax-Programm geschaltet (auch als Popometer bekannt). Diese Sensortechnik erst ist es, die das Fahrzeug in den Schwebezustand versetzt.

Fahrwerk und Sitzanlage eines W126

Das aus Stahl und Verlours gebaute Schwebegefühl der S-Klasse 19987

Das der heutige Automobilkäufer zu zuallererst auf das Design schaut, dass große Felgen wichtiger sind als die hyperkomplexe Computertechnik, zu deren Beherrschung in den Niederlassungen nur noch Ingenieure vom Schlage eines Mr.Spock fähig sind, ist einem Zeitgeist geschuldet, dessen Rad sich wohl nicht mehr zurück drehen lässt. Als der W126 1979 dem Publikum vorgestellt wurde, waren die serienmäßigen Plastikradabdeckungen, seiner bescheidenen 15 Zoll Felgen,  ein Schock für den betuchten Käufer. Leichtbau, Aerodynamik und eine Weight Watschers – Kur in Sachen Chrom beherrschten die öffentliche Debatte. In der Summe aller je gebauten S-Klassen bleibt der Baureihe W126, das ewige Prädikat, die beste je gebaute S-Klasse zu sein. Seiner damaligen Zeit voraus, aber den Traditionen des Hauses treu. Treu wie seine Anhänger heute. Mein vierkommazwei mit seinen 368778 Km soll in diesem Jahr eine Reise nach Paris antreten. Ich werde hier berichten.